Nachhaltigkeit im Kaffeeanbau – Eine Frage des Geschlechts?

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Der Einfluss von Geschlechtergerechtigkeit auf die Einstellungen gegenüber Nachhaltigkeitsfaktoren

Ein Kaffee zu 100% aus Frauenhand – das ist das Kernmerkmal, das Angelique’s Finest von anderen Kaffeesorten auf dem deutschen Markt unterscheidet. Die Produzentinnen entscheiden selbständig über die Produktion und den Verkauf ihres Kaffee und sind sehr stolz auf das Ergebnis ihrer harten Arbeit. 

Die gravierenden Folgen des Klimawandels

Die bereits spürbaren Veränderungen durch den Klimawandel verändern auch den Kaffeeanbau. Regen bleibt über einen längeren Zeitraum aus oder ist so heftig, dass er die Kaffeebäume beschädigt. Wie in nahezu jedem (Landwirtschafts-)Bereich benötigt auch die Kaffeeproduktion ein Umdenken hin zu mehr Nachhaltigkeit. Unsere Partnerkooperativen haben diesbezüglich schon einiges in Gang gesetzt. So befindet sich die Maraba-Kooperative in der ruandischen Südprovinz aktuell in einem Bio-Zertifizierungsprozess, der voraussichtlich im nächsten Jahr abgeschlossen sein wird. Die Musasa-Kooperative ist diesen Schritt bereits erfolgreich gegangen.

Nachhaltiger Kaffeeanbau bringt viele Vorteile mit sich. Er ist nicht nur umweltverträglicher und klimaschonend, sondern biologisch produzierter Kaffee kann am Weltmarkt zu höheren Preisen verkauft werden. Die Herstellung ist jedoch aufwendiger und arbeitsintensiver. Der Verzicht auf Pflanzenpestizide geht leider oftmals mit einem Ernteverlust einher.

Eine Studie klärt auf: Geschlechtsspezifische Unterschiede beim Thema Nachhaltigkeit

Die Rollen im Kaffeeanbau sind traditionell zwischen Frauen und Männern unterschiedlich. Während Frauen einen Großteil der harten, körperlichen Arbeit auf dem Feld übernehmen, sind die Männer für den Verkauf des Kaffees und damit auch für die Verwaltung des Einkommens zuständig. Inwiefern die Aufgabenverteilung zu einer unterschiedlichen Auffassung gegenüber nachhaltigem Kaffeeanbau und somit Nachhaltigkeitsstandards führt, untersuchten Wissenschaftler*innen der Universität Göttingen und dem International Rice Research Institute in Neu Delhi 2017 in der Studie „Toward Improving the Design of Sustainability Standards – A Gendered Analysis of Farmer’s Preferences“. 

Wer wurde befragt?

Untersucht wird die Perspektive der Kaffee-Kleinbäuerinnen und -bauern auf Bio- und Nachhaltigkeitszertifizierungen in Uganda. Ihre Perspektive hat eine große Relevanz, denn in Ländern des Globalen Südens ist der kleinbäuerliche Anbau eine der wichtigsten Einkommensquellen. Die international wachsenden Ansprüche an nachhaltigen Kaffeeanbau beeinflussen den kleinbäuerlichen Anbau direkt oder indirekt. Ziel der Studie ist es herauszufinden, wie einzelne Aspekte der Nachhaltigkeitslabels wie z. B. Preisaufschläge, der Verzicht auf Pestizide, landwirtschaftliches Training etc., die Arbeit der Kleinfarmer verändern und wie sie diesen gegenüber eingestellt sind.

Ergebnis: Die Frauen im traditionellen Geschlechterverhältnis

Entscheidungsmacht: Männersache!

Die Ergebnisse der Studie zeigen eindeutige Diskrepanzen zwischen den Geschlechtern. Mit ein paar regionalen Unterschieden ist in mehr als 80 Prozent der Kaffee produzierenden Haushalte in Uganda ein Mann das Familienoberhaupt (Meemken et. al 2017: 286).  Zwar sind sowohl Männer als auch Frauen in den Kaffeeanbau involviert, die Entscheidungsmacht und finanzielle Kontrolle liegt jedoch überwiegend bei den Männern. Männer sind im Schnitt höher gebildet und verfügen mit größerer Wahrscheinlichkeit über ein eigenes Bankkonto. Auch nehmen Männer eher an Schulungen und Kooperativentreffen teil.  

Verantwortung: Männersache – aber im Wandel!

Die Verteilung von Verantwortung in der Kaffeeproduktion ist stark geschlechterabhängig. Die Arbeit auf dem Feld wird meist sowohl von Männern als auch von Frauen durchgeführt. Hingegen sind Frauen kaum in den Verkauf und die Verwaltung des Einkommens involviert. Solche Aufgaben obliegen in erster Linie den Männern. Diese traditionelle Aufteilung befindet sich jedoch im Wandel. Ein befragtes Ehepaar berichtet z.B. wie die Teilnahme an Schulungen zur Geschlechtergerechtigkeit ein Umdenken bei ihnen bewirkt hat und sie nun mehr Verantwortlichkeiten zwischen sich aufteilen. 

Düngemethode: Wandel zu natürlichem Dünger

Von Frauen geführte Haushalte stehen einem Verbot von Pestiziden tendenziell weniger negativ gegenüber als männlich geführte Haushalte. Nur ca. 30 Prozent der befragten, weiblich geführten Haushalte setzen überhaupt chemischen Dünger ein (Meemken et. al 2017: 295). Hingegen sind Frauen der Anforderung ausschließlich reife Kirschen zu ernten etwas negativer gegenüber eingestellt als Männer. Das könnte darauf zurückzuführen sein, dass überwiegend Frauen die Kirschen ernten. Eine intensive Selektion der Kirschen führt zu einem Anstieg der Arbeitsbelastung. Auch sind die Frauen weniger in den Verkauf involviert und daher weniger auf die Preisunterschiede verschiedener Qualitätsklassen fokussiert (Meemken et. al 2017: 295).

Die Frauen in unseren Partnerkooperativen in Ruanda

Einige der Fragen aus der Studie haben wir auch den Frauen in unserer Partnerkooperative Maraba gestellt. Die Farmerinnen aus Ruanda hatten dazu klare Antworten. 

Entscheidungsmacht: Gleichberechtigung!

Über sämtliche Investitionen in der Familie wird grundsätzlich gemeinsam entschieden, unabhängig davon, wer das Geld mit nach Hause bringt. Sind sich die Ehepartner uneinig, wird ergebnisoffen diskutiert. Die bessere Idee soll sich durchsetzen, unabhängig davon, ob sie von einem Mann oder von einer Frau stammt.

Das mit dem Kaffee verdiente Geld steht der gesamten Familie zur Verfügung, es wird nicht zwischen dem Einkommen der Männer und Frauen unterschieden. Alle Mitglieder der Kooperative besitzen ein eigenes Bankkonto.

Weiterbildungen der Kooperative stehen grundsätzlich allen Mitgliedern offen. Darüber hinaus gibt es die Women Associations, Vereinigungen der weiblichen Farmerinnen innerhalb der Kooperative. Diese bieten den Frauen besondere Unterstützungsangebote, unter anderem auch landwirtschaftliche Weiterbildungen. Nicht nur die Women Associations, sondern die gesamte Kooperative hat sich der Geschlechtergleichstellung verschrieben. Einmal im Jahr gibt es ein Training im Bereich Gender Equality für alle Mitglieder der Kooperative. Darüber hinaus bietet die lokale Regierung für eine kleine Gruppe von Männern ein wöchentliches Training an. 

Die Mitglieder der Frauengruppe Rambagira Kawa als Teil der Musasa-Kooperative bei einem Finanztraining

Verantwortung: Gleichberechtigung!

Die Produzentinnen von Angelique’s Finest sind Mitglieder von Kooperativen, in denen sowohl Frauen als auch Männer arbeiten. Das Besondere: Sie schließen sich in Frauengruppen zusammen und übernehmen alle Verantwortlichkeiten selbst. Dazu zählt die komplette Wertschöpfungskette: Von der Ernte, über die Verarbeitung bis hin zur Röstung und das Verpackungsdesign. Die Bäuerinnen übernehmen Positionen im Verkauf, Marketing und Management – traditionell männertypische Aufgaben. Die Frauen gewinnen so an Selbstbewusstsein, Unabhängigkeit und Stolz über ihre Arbeit und ihren Kaffee. 

Düngemethode: Wandel zu natürlichem Dünger

Als Dünger wird sowohl chemischer als organischer Dünger verwendet, wobei biologischer Dünger jetzt bereits ca. zwei Drittel der gesamten Düngemasse einnimmt. Im Laufe des nächsten Jahres soll vollständig auf künstlichen Dünger verzichtet werden, da die Maraba-Kooperative sich gerade im Zertifizierungsprozess für das Bio-Siegel befindet. Ein Prozess, der von den Bäuerinnen unterstützt wird. Nicht nur deswegen, weil sie für Bio-Kirschen einen höheren Kaufpreis von der Kooperative erhalten, sondern auch deswegen, weil sie selbst seit einigen Jahren die Auswirkungen des Klimawandels spüren und ihren Kaffee möglichst umweltfreundlich und nachhaltig produzieren wollen.

Fazit

Natürlich ist der Vergleich zwischen den Befragten aus Uganda und Ruanda nicht repräsentativ, da die Anzahl der befragten Frauen in Ruanda zu gering ist und auch nur einzelne Punkte aus der Studie untersucht wurden. Unser Ziel ist nicht eine systematische Reproduktion der Studie. Vielmehr wollen wir wissen, inwiefern das Modell von Angelique’s Finest nicht nur die finanzielle Situation der Bäuerinnen verbessert, sondern auch ihre Einstellungen gegenüber Nachhaltigkeit im Allgemeinen beeinflusst. Die Ergebnisse geben auf jeden Fall Grund zur Hoffnung, dass Angelique’s Finest auch in Zukunft das Leben der Bäuerinnen verbessern wird.

Originalstudie: Meemken, Eva-Marie; Veettil, Prakshan Chellattan; Qaim, Matin (2017): Toward Improving the Design of Sustainability Standards – A gendered Analysis of Farmer’s Preferences, in: World Development, 99, S. 285 – 298.

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